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Wodka: Kippen nach dem Kommunismus

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Wodka: Kippen nach dem Kommunismus
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Wodka und Russland - das ist ein kulturelles Phänomen und ein soziales Problem. Dass Russen ihren Wodka lieben, ist ein tradiertes Klischee, dem die Realität allerdings immer wieder neues Leben einhaucht: Weltmeisterlich der offizielle Gesamtkonsum mit durchschnittlich 45 Liter Wodka pro Jahr und Kopf. Nicht Berücksichtigung finden die nach moderaten Schätzungen rund 750 Millionen Liter Wodka aus illegaler Produktion, die zusätzlich durch durstige russische Kehlen fliessen.

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Da wundert es kaum, dass 52 Prozent der Todesfälle von 15- bis 54-jährigen direkt oder indirekt auf das Konto des Alkohols gehen. Was auch die niedrige Lebenserwartung russischer Männer, die derzeit bei etwas über 60 Jahren liegt, zumindest teilweise erklärt. Der KULINARIKER hat den russischen Journalisten, Historiker und Orientalisten Anatoly Gendin, Herausgeber des "Atlas Gurmana - Atlas des Feinschmeckers", zum Wodka-Phänomen befragt und ist dem "wie und warum" auf den Grund gegangen.

KULINARIKER: Was eigentlich ist russischer Wodka?

Anatoly Gendin: Klassischer russischer Wodka besteht aus Getreidealkohol, der normalerweise aus Roggen und Weizen hergestellt wird, und aus Wasser, das zum Verdünnen des Alkohols auf die Verkaufsstärke – meist 40 Prozent Reinalkoholgehalt – dient. Er hat streng genommen keinen Eigengeschmack und kein Aroma. Anders als bei Bränden, die in der Regel den Geschmack und das Aroma der Beeren oder Früchte besitzen, aus denen sie hergestellt worden sind.

KULINARIKER: Wodka gleich Wodka?

Anatoly Gendin: Beileibe nicht. Die Qualität des Getreides, die Sorgfalt beim Brand und besonders das Wasser sorgen für die unterschiedlichsten Qualitäten und wirken sich direkt auf die Reinheit des Endproduktes aus. Hier kommen wir, das nur nebenbei, auf ein kulturelles Problem, das auch im Kontext Qualität interessant ist: die Deutschen, wie wir Russen, wissen wenig über die Besonderheiten, die sehr eigenen Charakteristika der in den jeweiligen Ländern präferierten, sehr starken alkoholischen Getränke - und dementsprechend können die Vorteile dieser hochprozentigen Glücklichmacher nicht vollends ausgekostet werden.

KULINARIKER: Wo liegt unter Qualitätsaspekten der Schwerpunkt?

Anatoly Gendin: Da sagt schon der Name alles: Der Begriff Wodka ist ein Diminutiv und leitet sich von "Woda" ab. Wodka ist also das Wässerchen. Und was für ein Wässerchen das ist, zeigen die Hersteller auch gern auf den Etiketten und werben mit zum Beispiel "speziell verfeinertes Wasser". Alle halbwegs gewissenhaften Produzenten bereiten das Wasser vor, verfeinern, filtern und befreien es von unerwünschten Inhaltsstoffen, selbst wenn es sich dabei um das reinste Quellwasser handelt.

"Klassischer Wodka ist absolut farblos"

Allerdings ist das destillierte Wasser auch nicht die beste Variante, denn die Spurenelemente im Wasser tun dem Endprodukt gut, prägen seinen Charakter. Darüber hinaus sind diese Spurenelemente für eine weitere wichtige Eigenschaft verantwortlich: dieser Wodka trinkt sich schlicht leichter. Zu dieser Eigenschaft tragen auch einige Geschmackszusätze wie Honig, Rosinen, Meerrettich, Wildkräuter, Wald- und Gartenbeeren oder ein Aufguss von Zirbelnüssen, um einige Beispiel zu nennen, bei. Bei einigen dieser Zusätze bekommt der Wodka dann auch mal Farbe. Doch klassischer Wodka ist absolut farblos und im besten Wortsinn eine klare Sache.

KULINARIKER: Kann die klare Sache schlecht werden?

Anatoly Gendin: Es mag seltsam klingen, aber auch Wodka hat eine Haltbarkeitsdauer. Zudem erreicht Wodka seine optimale Qualität rund ein Jahr nach der Abfüllung. Im Laufe der Zeit verdunstet Wodka und es können sich unerwünschte Sedimente bilden, die den Genuss einschränken.

KULINARIKER: Russland und Wodka sind im westlichen Teil Europas ein gängiges Wortpaar, das Synonym steht für russische Kultur und Lebensart und setzt gleich einen Haufen tradierter Vorurteile frei. Doch wer hat Wodka wirklich erfunden?

Anatoly Gendin: Darüber besteht ein ewiger Streit zwischen Russland und Polen. Doch es ist müßig, darüber zu streiten, wer nun dieses tolle Getränk als Erster entdeckt hat. Im historischen Kontext macht es zudem kaum Sinn. Ich möchte es mal diplomatisch ausdrücken: Es ist sehr wahrscheinlich, dass die verwandten slawischen Völker, die in räumlicher Nähe und unter ähnlichen klimatischen Bedingungen lebten, zu der gleichen Zeit auf diese Idee gekommen sind. Zum Glück für alle Freunde der harten Getränke.

KULINARIKER: Hart getrunken wird in Russland zweifelsfrei. Warum eigentlich?

Anatoly Gendin: Zunächst wird Wodka getrunken, um einen gewissen Betrunkenheitsgrad zu erreichen und somit die angenehmen begleitende Empfindungen des Rausches zu spüren. Trinkende werden ungezwungener, lustiger, fröhlicher, offener und witziger. Zumindest solange sie eine bestimmte und sehr individuell differierende Dosis nicht überschreiten.

KULINARIKER: Rausch ist sicher – doch wo bleibt der Genuss?

Anatoly Gendin: Eigentlich hat der Prozess des Wodkatrinkens nichts besonderes an sich, denn es gibt schlicht nichts zu genießen. Deswegen wird Wodka schnell getrunken, mit einem Schluck und auf ex! Man versucht quasi dem Moment der Trunkenheit möglichst schnell näherzukommen. Anders als bei Bränden. Die kann, soll und muss man riechen und schmecken, um Frucht- und Beerenaroma vollends auszukosten. Einen Brand behalten sie im Mund, lassen die Aromen auf Zunge und im Gaumen wirken. Dafür braucht es eine gewisse Zeit, denn wer einen guten Brand in einem Schluck hinunterstürzt, verschenkt die Hälfte des Genusses und es bleibt einzig der Rausch.

"Wodka im Mund zu halten, ist kulinarisch betrachtet nutzlos"

Und umgekehrt das gleiche. Wenn man Wodka wie einen Brand trinkt, ist dies eine große Enttäuschung: es gibt nichts zum Riechen, da klassischer Wodka kein Aroma – außer das von Spiritus – hat. Wodka vor dem Hinunterschlucken im Mund zu halten, ist also kulinarisch betrachtet absolut nutzlos. Übrigens, eines von zahlreichen russischen Alkohol-Sprichworten besagt: "Nach dem ersten Wodkaglas isst man nichts". Und das widerspiegelt sehr präzise die erste Priorität beim Wodkatrinken. Es ist wichtig, schnell das Rauschgefühl zu spüren – jedes Essen verschiebt diesen gewünschten Effekt, ist also überaus hinderlich.



 

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