Weinkritiker ist kein Beruf, geschweige denn eine geschützte Berufsbezeichnung. Jeder kann sich so nennen. Viele tun dies dann auch. Und verdienen sogar Geld damit.
Einige sind Weinkritiker mit Inbrunst und einem Selbstverständnis, das sich vielfach einzig nährt aus dem selbstgerechten Nimbus des Expertentums. Dann gibt es seltene Exemplare, die sich selbst weniger ernst nehmen als ihre Aufgabe. Und da sind wir schon bei Axel Biesler angekommen.
Nach drei eher mäßigen Bordeaux-Jahrgängen, war 1970 wieder ein sehr gutes Jahr. Der Winter war Winter, das Frühjahr mild, der Juli und der September waren trocken und heiß, der August hatte abwechselnd kühle und sonnig-heiße Perioden. Irgendwo dazwischen ist Axel Biesler geboren. In eine Gastronomenfamilie hinein. Was sich durchaus biographisch als förderlich erweisen sollte. Nach Soziologie-Studium und Journaille-Arbeit bei einer Tageszeitung, ging es für ihn in die Winzerlehre, die Axel Biesler beim Weingut Bercher absolvierte. Als Winzer arbeitete er im Barossa Valley (Australien) ebenso wie beim Weingut Huber im Breisgau. Heute gehört Axel Biesler, Sommelier, Fachautor und Moderator, zu den führenden Weinkritikern in Deutschland. Das klingt vermessen. Und wenig objektiv, ist er doch auch Weinkritiker für den KULINARIKER. Schelte der Leser wäre also durchaus angezeigt. Doch kommen Sie erst einmal mit und schauen wir ihm bei seiner Arbeit über die Schulter.
"Luft, der braucht noch etwas Luft"
Biesler riecht. Biesler trinkt. Biesler schmeckt und blendet die Welt ringsum aus. Ernst sind jetzt die Gesichtszüge. Hochkonzentriert, den kahlen, markanten Schädel zur Seite geneigt, rotiert sein Geschmacksgedächtnis, sucht nach Referenzen, nach finaler Verortung. Er saugt nochmals Rebsaft durch die Zähne, ist nicht zufrieden. "Luft, der braucht noch etwas Luft", sagt der Sommelier und Weinautor gelassen, lehnt sich langsam zurück und macht dabei ein Gesicht, als seien Großmutter und Mutter zugleich schwersten Beleidigungen ausgesetzt gewesen. Dieser Wein ist heute das, was im WM-Finale von 2006 Marco Materazzi für Zinedine Zidane gewesen ist: die Ursache für eine kurze Kopfnuss. Jetzt hat der Wein endlich die nötige Luft bekommen und Axel Biesler schaut nach einem weiteren Schluck, als hätte er unter dem Weihnachtsbaum gerade sein erstes Bonanzarad entdeckt. Er nickt zufrieden und steht auf, das Weinglas in der Hand. Showtime ist angesagt für rund 60 Gäste, die den Weg nach Ladbergen in das damit ausverkaufte 'Gasthaus zur Post' gefunden haben.
Günther Haug hat die historische Poststation seit 1998 kontinuierlich ausgebaut und bietet, inmitten des kulinarischen Nirgendwo zwischen Münster und Osnabrück, mit seinem jungen, kreativen Küchen-Team um Oliver Lisso Spitzenklasse auf dem Teller. Das muss er auch. Besonders heute, hat der Gastronom aus Leidenschaft doch zu einem Weinabend mit den Spitzentalenten aus der Pfalz geladen. Sechs Weingüter stehen auf dem Programm, durch das Axel Biesler moderierend führt. Noch vor zwei Stunden begrüßte er uns am Bahnhof mit einem kehligen Dieter-Bohlen-Krächtzen, hatte 24 Stunden zuvor noch in trauter Zweisamkeit mit einem munteren Katarrh im Bett gelegen. Axel Biesler nimmt noch einen kurzen Schluck aus dem Wasserglas – und schon sind wir mit ihm in der Pfalz. Sehen die Weinberge, knien neben den Rebstöcken, streicheln liebevoll über die Erde, graben mit den Händen die Oberfläche auf. Bis zu den Wurzeln hinab. Jetzt probieren wir zum Carpaccio von der Jacobsmuschel einen Sauvignon Blanc vom Weingut Zelt, sind beim pochierten Landei auf Blattspinat und Perigord Trüffel (einfach – und einfach sensationell!) beim 07er Grauburgunder vom Weingut Leiner aus der Südpfalz angelangt. Biesler schwitzt. Biesler räuspert sich. Biesler erzählt eine Geschichte.
"Einen Tacken über elf Hektar"
Aufgehoben mit einem Mal die Zurückhaltung bei den Gästen. Es wird gelacht, der Nachbar ins Gespräch einbezogen. Als der 2006er Riesling vom Weingut Siener zum kross gebratenen Doradenfilet mit Auberginenkaviar und Kerbelpesto ins Glas kommt, hat er bereits längst gewonnen. "Riesling und Spätburgunder bilden im Rebsortenspiegel das stabile, das solide Fundament", ergänzt Axel Biesler final und ohne belehrenden Unterton. Der Abend funktioniert. Die Gäste amüsieren sich prächtig und die Körperspannung bei Axel Biesler löst sich langsam auf, die Hüftsteife weicht jetzt tänzelnden Bewegungen. Schon hat er ein weiteres Glas in der Hand, eine Riesling-Auslese vom Weingut Dengler-Seyler. "Klein aber fein", sagt Axel Biesler. "Einen Tacken über elf Hektar" und trägt nach dieser Aussage ein launisches Mundart-Gedicht vor. Wartete nicht schon das Rebhuhn auf Rieslingkraut, würde er nachlegen, aufdrehen und den nun folgenden Syrah vom Weingut Rings zum Müritz-Lamm unisono aus 60 Kehlen hochleben lassen. "Der Kranz macht wirklich Spaß", so sein Kommentar für die 2006er Scheurebe Beerenauslese, die jetzt zum Dessert auf den Tisch kommt. Er ist in seinem Element, umgarnt charmant den Nebentisch, füllt nach, plaudert, hat für jeden eine Anekdote parat, blickt in das leere Glas, lacht. Günther Haug nickt ihm lächelnd zu. Und ich möchte ihn einfach nur umarmen.
Weitere Informationen erhalten Sie unter www.diewein.de.





