So unschuldig liegst Du da, verführerisch, nackt und voller Anmut. Dein Duft, zartester aller Düfte, hüllt mich ein, raubt mir fast die Sinne. Dein zartes Rosa wartet, will umspielt sein, sanft, mit gieriger Zunge. Ich beuge mich bedächtig hinunter zu Dir, schließe die Augen. Sacht dringt der gezackte Stahl durch Deine Haut, krallt sich fest, fixiert Dich auf dem Teller. Ohne Widerstand gleitet das Messer durch Dich hindurch. Nur wenige Augenblicke noch, geliebte Foie Gras, dann bist Du mein.
Oft haben wir uns so geliebt, Du und ich. Mal brachtest du uns Gespielinnen mit für unser immer neues amouröses Abenteuer, unsere kleinen intimen Treffen. Mal warst Du bloß, dann wieder gekleidet in verführerische Outfits. Und immer hast Du mich herumbekommen, ganz gleich, bei welcher Liebe auch mein Herz gerade weilte. Doch damit ist ab heute Schluss. Denn Du hast noch ein anderes Gesicht - und das ist ein hässliches.
Faunaslamisten haben mich schon lange vor Dir gewarnt. Und nicht nur mich. Keiner sage also, er habe es nicht gewusst. Natürlich habe ich und haben wir alle. Stopfleber, also eine mutwillig vor allem Enten und Gänsen angefutterte Fettleber, ist eine der ältesten kontinuierlich genossenen kulinarischen Spezialitäten der Welt. Und die Stopfleber hat einen logischen, natürlichen Ursprung. Zugvögel müssen für ihre langen Reisen Fettreserven vorhalten, die teils in der Leber abgelagert werden. Mit äußerst schmackhaftem Resultat, wie bereits um 2.500 vor Christus die Ägypter erkannten. Ein kleiner Schritt war es dann, gezielt auf das gewünschte Endergebnis hinzuarbeiten: die Fettleber.
Die Stopfleber ist ein krankhaftes, extrem geschädigtes Organ
Die Methoden haben sich im Laufe der Jahrtausende sicherlich gewandelt - verfeinert haben sie sich nicht, geht es doch darum, den Anteil der fetthaltigen Zellen in der Leber möglichst schnell und auch unter betriebswirtschaftlicher Aegide drastisch zu erhöhen. Am schnellsten geht das durch Zwangsernährung, bei der übermäßig viel Nahrung durch eine Röhre oder einen Gummischlauch direkt in den Magen gepumpt wird. Manchmal mit Hilfe von Pressluft. Und das mehrmals am Tag, mehrere Kilo Futterbrei pro Durchgang. Durch diese radikale Mast verfettet die Leber innerhalb von zwei bis drei Wochen und schwillt auf das fünf bis 13-fache des Normalgewichtes an. Auf bis zu zwei Kilogramm. Allein 2005 wurden so rund 23.000 Tonnen weltweit produziert und in Deutschland knapp 120 Tonnen Stopfleber konsumiert. Ein kleiner Vergleich sei gestattet: Als größte Drüse des Körpers wiegt die menschliche Leber bei einem Erwachsenen rund 1,5 Kilogramm. Sie wöge durch diese Art der Druckbetankung leicht satte 19 Kilogramm.
"Medizinisch gesehen ist die verfettete Leber ein krankhaft verändertes Organ. Die Vögel werden geschlachtet, bevor sie an den irreversiblen Folgen des Stopfens ohnehin sterben“, sagt Tanja Breining von der deutschen Sektion der Tierschutzorganisation PETA. "Nebenwirkungen sind zum Beispiel Perforationen im Rachenbereich, Atemnot mit Hecheln, Halszerrungen und Prellungen, multiple Knochenbrüche, Entzündung des Dünndarms, Durchfall, Leberzirrhose, Herzversagen, Nierenversagen und Leberblutungen." Die Gänsestopfleber ist folglich ein krankhaftes, ein extrem geschädigtes Organ mit einer Vielzahl von Kollateralschäden bei der gepeinigten Kreatur. Da kann man es drehen und wenden, wie man will – es ist, was es ist: Tierquälerei in einer ihrer übelsten Ausprägungen. "Dass Stopfleber oder so genannte Foie Gras weitläufig noch immer als Feinkost betrachtet wird, ist ein Armutszeugnis für eine zivilisierte Gesellschaft. Das Leid der Tiere und die qualvollen Haltungsbedingungen der Gänse und Enten werden dabei komplett ausgeblendet", unterstreicht Wolfgang Apel, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes.
Mittlerweile ist in den meisten europäischen Ländern das Stopfen von Gänsen und Enten durch Tierschutzgesetzte verboten oder zumindest stark eingeschränkt. Der Verzehr allerdings nicht. Und da sind wir schon bei einer ökonomischen Grundgleichung angelangt: Keine Nachfrage – kein Angebot. So einfach ist das manchmal. Und ist es doch nicht. Zunächst ist es eine ethisch-moralische Frage, die eine Menge mit Achtung und Respekt vor der Kreatur, vor allen Kreaturen, zu tun hat.
Zugegeben: Gekonnt, ja meisterhaft zubereitete Tiere auf dem Teller beglücken den Gaumen mit immer neuen Geschmacksentdeckungen. Doch zum Genuss gehört immer auch Verantwortung und eine klare Haltung. Und deshalb ist es jetzt nach über 20 Jahren endgültig aus mit unserer langjährigen Affaire, Stopfleber. Schluss, aus und vorbei.Leider, denn Du fehlst mir heute schon.
Fotos: Archiv,Stop Gavage





