Back Kulinarik Kategorie: Abgegessen Kritik der reinen Weinvernunft

Kritik der reinen Weinvernunft

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Wie schmeckt der Wein? Ja, wie schmeckt eigentlich dieser Wein? Der 92er Franzose aus dem Burgund zum Beispiel präsentiert sich ungezogen, fast rebellisch. Mit Cassis, Vanille, Humidor und Schwarztee reich texturiert. Fruchtig-balsamisch die Nase, mit verschwenderischen Aromen von dunklen Pflaumen, Brombeere, Heidelbeere und Tabak.

Wenig Säure und ein mittlerer Körper, der zaghaft bis ruppig daherkommt. Dann die Überraschung: Mittelschwer am Gaumen und mit ganz viel Pressur in den Nüstern. Der Eingang ist eingängig: Beerenkompott aus dem Hause Schwartau, Holundergelee von Edeka, Senfgurke mit Dill im Einmachglas und wurmstichige Holzpantinen, von Oma Paulas Schweißfüßen eingelaufen, treffen hier, untermalt von erdigen Tönen und mineralischen Moll-Noten, auf verstaubte Kathederphilosophie und hektische Katheterflecken. Dunkles Rubinrot im Glas, das an die Wangen einer 20jährigen Klosterschülerin aus dem Bordeaux erinnert, der man gerade einen nicht ganz jugendfreien Witz aus den tiefsten Kellern der St. Pauli-Nachrichten zum Besten gab. Daran anschließend der kraftvolle Abgang mit klaren Strukturen und einer langen Nachatmung aus seidigem Tannin (Wella-Glanzspülung), der die Prominenz dieses Weines weiter unterstreicht.

Herzhafter Biss in eine Zitronenscheibe

So, oder zumindest fast so, klingt es gelegentlich, wenn Wein-Kritik sich zunächst nicht selbst in Frage und auf den Prüfstand stellt, sondern munter parliert und hände- wie wortringend lyrische Kapriolen dadaistischen Ausmaßes schlägt. Die Adjektivisierung des Genusses als Dampfplauderei auf mehr oder minder hohem Niveau. Mit einer Halbwertzeit, die selten die kommende Ausgabe überlebt. Ein beliebig aus dem Konvolut der Weinkritiken heraus genommenes Beispiel: "Nach dem Öffnen noch verschlossen, mit vordergründigem, schwerem Tannin. Nach einer Stunde verblüffend vielschichtig: Dunkle Beeren, Leder, Zedernholz, Bitterorange und schwerer, langer Abgang. Die beeindruckende Struktur, die mit sich verwobenen Aromen, der druckvolle Abgang …". Einem herzhaften Biss in eine Zitronenscheibe gleich, verzerren die Zeilen das Antlitz des geneigten Lesers. Die Weinkritik: Mal säure betont und strohig. Mal korkig, stelzig und pelzig. Selten nur körperreich, charaktervoll, mit viel Extrakt, kräftig, füllig, mutig und von lagerfähiger Substanz. Auch hier gilt der altbekannte Kantsche Imperativ: "Dat Jejenteil von jut jemeint ist jut jemacht".

Natürlich gilt das nicht für alle - und nicht für alle gleich. Und immer ist der Griff an die eigene Nase aus berufsimmanenter Eitelkeit der erste Schritt zum realen Wesen und Sein von Form und Inhalt. Weinexperten, und schlimmer noch das schreibende Derivat der berufenen Auf- und Abklärer, gelten heute als Leuchtfeuer der Orientierung an der Meeresscheide zwischen der Ebbe an guten und der Flut an mittelprächtig bis unterirdisch schlechten Weinen. "Die letzte Stimme, die man hört, bevor die Welt explodiert, wird die Stimme eines Experten sein, der sagt: Das ist technisch unmöglich", bemerkt der englischen Schauspieler Sir Peter Ustinov in aller Lebensweisheit und Weitsicht in önologischer Hinsicht. Doch gemach, gemach. Denn Wein ist eine bierernste Sache, das. Insbesondere wenn Zeilen gefüllt, Hersteller befriedigt und neue Konsumenten gewonnen werden wollen. Zudem klingt eine Weinkritik, die bewährt eingängige Plattitüden, neue Wortschöpfungen und möglichst abstrakte Vergleiche recht munter für den Leser aufbereitet, doch schon gewaltig nach Wissensvorsprung, der ein gerüttelt Maß an Ehrfurcht einfordert. Schaut her und lest, denn hier kommt die Antwort auf alle nicht gestellten Fragen, die unumstößliche Kritik der reinen Weinvernunft.

Ein mit Glas bewaffneter Selbstversuch

Zugegeben: Woran soll sich der geneigte Trinker denn auch sonst orientieren. An dem bunten Etikett? Aufgeklebten Edelmetall-Medaillen oder einer der inflationär vergebenen nationalen wie internationalen Prämierungen? Gott oder wer auch immer bewahre! Rebsorte, Region und Jahrgang? Schon eher. Einen Weinhändler? Gar nicht so übel, denn hier können wir nachfragen und uns quer durch das Programm probieren. Anders als im Supermarkt. Das wäre allerdings einen mit Korkenzieher und Glas bewaffneten Selbstversuch wert. Wie steht’s mit dem Winzer? Warum eigentlich nicht. Denn er ist es, der mit seinem Namen für das Endprodukt steht, auf dessen Professionalität, handwerklichem Können, Berufsethos und Ehrlichkeit wir zunächst vertrauen müssen. Bleibt noch der eigene Geschmack. Dessen Verfeinerung ist eine unendlich spannende Aufgabe und eine lebenslange Entdeckungsreise in die wundervolle, fast unendliche Geschmackswelt des Weines. Eine Reise, die immer neue Aspekte bietet, überraschende Wendungen nimmt und die mit jeder Erfahrung auch neue beschreibende Worte zu Tage fördert, die nur Ihnen, einzig Ihnen werter Leser, gehören.

Ein eigenes Referenzsystem, das vielfach beglückt  und Lust macht, dauerhaft mehr über Wein zu lernen. Denn der beste Kritiker ist nun mal Ihr Gaumen. Da können Ihnen getrost alle Weinkritiker und selbsternannten Vinologen der Welt gestohlen bleiben. Der Autor dieser Zeilen inklusive. Wie schmeckt denn nun der Wein? Finden Sie es heraus. Es lohnt.

Foto: abi

 

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Das ist ja wohl der Gipfel: Ein ganzes Magazin voll mit Schweizer Seiten. Schweizer Panoramen, Schweizer Künstler, Schweizer Musiker, Schweizer Cigarren. Und: Wussten Sie, dass Deep Purples "Smoke on the Water" am Genfer See das Licht der Musikwelt erblickte? Steht alles in der neuen Schweiz-Ausgabe von "Alles André" … weiter...