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MAGAZIN

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Text: Dirk Speckmann | Fotos: Nigel Tame

Wilder Norden

Wir springen in den Laderaum des weißen, verdreckten Lieferwagen wie Hütehunde am Ende eines langen Tages auf der Weide. Die Rippen des Bodenbleches locken nicht, ich ergattere zum Glück einen der begehrten Plätze auf den Radlagern. Es stinkt nach Schafen und ihrer Scheiße. Kieran holt die erste Whiskeyflasche raus.

Wer einen Winter auf den Schettland-Inseln verbringen will, sollte nicht schwermütig sein. Aber auch hellste Gemüter und Menschen von buddhistischem Gleichmut werden hier auf die Probe gestellt. Na klar, es gibt überall im Norden diese Orte mit dauerhafter Dunkelheit, in denen die Menschen den Alkohol mit offenen Armen willkommen heißen. Doch diese Orte sind wenigstens richtig kalt, schneeverwöhnt und unmissverständlich feindlich. Hier, auf den nördlichsten der Britischen Inseln, nähert sich das Böse schleichend. Nur langsam wird es dunkler, aber ein paar Stunden Tageslicht (von 10 bis 15 Uhr) wiegen in trügerischer Sicherheit. Der Regen scheint zwar nicht mehr aufzuhören, aber die wenigen klaren Abende und der gelegentliche schöne Sonnenuntergang vermitteln eine scheinbare Sicherheit.

Wenn diese triste Zeit ihren Höhepunkt erreicht und selbst dem hartgesottensten Fischer an die Nieren geht, beginnen sich die Gespräche nur noch um zwei Themen zu drehen. Dann werden aus wortkargen Nordländern aufgeregt kichernde Jungs: zwei Großereignisse werfen trotz Abwesenheit harter, starker Sonnenstrahlen ihre imaginären Schatten voraus. Das Burns Supper, das alljährliche Gedenken an den Nationalpoeten Robert Burns, dem mit Gedichten, Liedern, Whiskey und gefülltem Schafsmagen gehuldigt wird. Und vor allem Up Helly Aa. Beide sind eigentlich Antipoden, denn als Schotten fühlen sich echte Schettländer eigentlich nicht. Dudelsäcke werden belächelt, die Zentralregierung in Edinburgh wird fast mehr gehasst als die Queen. Vielleicht aus Trotz fühlt man sich viel mehr den Norwegern verbunden. Städtepartnerschaften mit den Nordmannen und die Regatta nach Bergen sind so viel mehr nach dem Geschmack der Insulaner. Zum Ausdruck kommt dies beim jährlichen Up Helly Aa. Seit beinahe 130 Jahren feiern die Schettländer dieses nordische Wintervertreibungsfest als Ausdruck ihres Widerstandes gegen die unwirtliche Natur. Dann ziehen dutzende von kostümierten Gruppen mit Fackeln durch die von Einheimischen und Touristen gesäumten Straßen Lerwicks, der Inselhauptstadt.  

Jedes Fest braucht einen Schirmherr. Hier ist dies nicht weniger als ein Fürst, der guizer jarl. Das norwegische Wort für Fürst (gepaart mit dem englischen Attribut – also der maskierte Fürst) gibt einen weiteren Hinweis auf die nordischen Wurzeln des Festes. Dieser stellt mit seiner Mannschaft, der jarl’s squad, das Herzstück des Festes dar. Jahre im Voraus entschieden, ist dieser Posten eine der größten Ehren, die einem Schettländer zu Lebzeiten zuteil werden kann. Jahre zuvor deshalb, weil es Zeit braucht, sich dieser Rolle würdig zu erweisen. Denn mit der Ehre gehen bekanntlich auch Pflichten einher - und die kosten. So lässt jede  jarl’s squad eigens für den großen Moment eine echte Wikingergaleere zimmern, jedes Mannschaftsmitglied kleidet sich in authentischer Wikingerkluft. Einschließlich echter Axt. Kosten für den obligatorischen Vollbart fallen zum Glück nicht an. Das benötigte Darlehen ist auch so schon hoch genug. Nur Zeit braucht es, um auch optisch ein echter Nordmann zu werden.

Auch wir stecken heute in Wikingerkostümen. Meine squad trägt sie als Zeichen dafür, dass sie im kommenden Jahr das Ruder des Northmavine Up Helly Aa übernehmen wird, der etwas kleineren Ausgabe des Festes im Norden der Hauptinsel. Wir sind sozusagen die „Kronprinzengarde“. Nur musste für unsere Kluft kein Kredit aufgenommen werden. Hier auf dem Lande fällt das Fest nicht so pompös aus wie in der Inselhauptstadt. Der Vollbart ist glücklicherweise auch lässlich.

Ich habe Durst. Wir halten vor der community hall in Mossbank. Die Parkplätze sind voll. Wie kommen diese Menschenmassen nach Hause ? Mit dem Auto hoffentlich nicht. Denn schon beim Reinkommen weht uns ein Schwall rauch- und schnapsgeschwängerter Luft entgegen. Aber auch ein großes „Hallo“. Wir sind kleine Stars. Unser nur halbwegs geistreiches Liedchen – jede squad muss einen Kleinkunstakt einstudieren - wird höflich beklatscht (noch klappt der Text), dann geht es schnell an die Bar. Es geht hoch her: älteren Damen an der Bar prusten aus rosa-glänzenden Wangen, der aufwendig frisierte Kurzhaarschnitt ergibt sich den unablässig pumpenden Schweißdrüsen. Doch sie behalten die Ruhe, zapfen geduldig. Wir Wikinger werden natürlich bevorzugt behandelt. In einem kleinen Raum sind für die diversen Gruppen, die in dieser Nacht hier halt machen werden, Kleinigkeiten zur Stärkung angerichtet. Und die wird schon bald nötig sein.

Tiefschwarz und bleischwer liegt die nasse Januarnacht über den Feiernden auf der King Erik Street, der Paradestrecke. In einem kilometerlangen Zug ziehen die squads mit Fackeln an Tausenden von Zuschauern vorbei, die von Kälte und Nässe scheinbar unbeeindruckt das Geschehen verfolgen. Lieder zu Ehren des Festes und der Galeere werden geschmettert. Die Galeere am Kopf der Prozession ist unter Johlen und Beifall bis zu einer Freifläche neben einem kargen Kinderspielplatz gezogen worden, wo sie nun von den nachströmenden Fackelträgern nach und nach eingeschlossen wird. Imposant wirkt die kleine, etwa  neun Meter lange Galeere nun, da sie von fast 1.000 Fackeln erleuchtet wird. Doch dann passiert das Unglaubliche. Nachdem der Jarl die wackeren Männer, die die Galeere und die Fackeln hergestellt haben, hat hochleben lassen, und sein Volk ihn bejubeln konnte, verlässt er das Schiff. Ein kleines Horn stimmt das Signal an, bei dessen letzter Note alle Fackeln in das prächtige Schiff geworfen werden. Blitzschnell geht es in Flammen auf. Für einen wunderbar langen Moment ist das nordatlantische Schmuddelwetter vergessen und tausende von Augenpaaren blicken fasziniert ins feurige Inferno. Dann bricht Jubel aus, die nächsten drams – Kurze, also Whiskey – werden aus Flachmännern oder direkt aus der Flasche hinuntergespült. Noch ein ganze Weile stehen die Massen um die sterbende Galeere herum, dann begibt man sich allmählich in einen der vielen Veranstaltungsorte, in denen der weitere Abend mit Essen, Tanz und noch mehr Whiskey und Bier begangen wird. Tickets hierfür sind schon lange vorher vergriffen. Jeder Inselhauptstädter hat seinen bevorzugten, über die Jahre lieb gewonnen Ort und reserviert schon weit im Voraus.

Der boating club in Brae, der zweitgrößten Stadt der Insel, ist einer dieser Orte. Wenn auch nur für die die lokale Variante des Festes. Da die Kneipendichte abnimmt, je weiter man sich von der Hauptstadt entfernt, dienen diese Gemeindeorte als Refugium für Alkoholsuchende, da auch sie über eine Schanklizenz verfügen. Um Up Helly Aa gebührend zu feiern, finden die kleineren Varianten auf dem Lande zeitversetzt zum großen Fest der Hauptstadt statt. In Brae -  meiner neuen Heimat – geschieht dies in diesem Jahr etwa einen Monat später. Das Inselklima ist immer noch recht rau, doch wird unser Fest wenigstens trocken bleiben. Und heute Abend sind sie alle da: die Lebensmittelhändlerin, die gleichzeitig einen Minipostschalter in ihrem Laden beherbergt, die lokalen Fischer, der obligatorische Dorfalkoholiker mit dem alkoholgeplagten, dicken roten Zinken ebenso wie der Direktor der einzigen high school außerhalb Lerwicks und weitere Würdenträger der Region. Das Rezitieren unseres kleinen Sketches fällt unserer squad nach mittlerweile fünf Auftritten und den damit einhergehenden Alkoholinfusionen zunehmend schwerer. Spät ist es, müde geworden sind Körper und Zunge. Doch das Publikum verzeiht viel, ist dankbar für unseren Beitrag zu diesem besonderen Abend. Und wenigstens in einer Hinsicht stimmt unser Timing: auch der lokale jarl ist inzwischen eingetroffen. Kurze Zeit später erhebt sich die Festgesellschaft und begibt sich an den jetty, wo sonst die Segelboote zu den hier regelmäßig stattfindenden Regatten ins Wasser gelassen werden. Und hier, weit weg vom hauptstädtischen Trubel, erlebt man Up Helly Aa, wie es immer sein sollte. Die Rituale ähneln sich natürlich und auch hier gibt es ein Gedichte und Lieder. Auch hier gibt es eine – wenn auch etwas kleinere – Galeere, die erbarmungslos den Flammen geopfert wird. Doch die brennende Pracht wird nun langsam zu Wasser gelassen, ganz so, als ob wir einen nordischen Fürsten in sein feuchtes Grab entließen. Der Anblick raubt mir die Luft. Die Masse grölt nicht. Stille. Alles starrt versonnen auf die dunkle Bucht. Nur das Plätschern der nächtlichen Wellen ist zu hören. Dann, langsam, ganz langsam, beginnt die Galeere im unendlichen Schwarz des Meeres zu versinken.

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