Der säuerliche Geruch zog durchs ganze Haus. Seit Stunden schon blubberte ein überdimensionaler Topf mit Linsen auf dem uralten Kohlenherd vor sich hin. Mindestens ein dutzend Familienmitglieder saß am riesigen Küchentisch zur Mittagszeit versammelt. Meist waren es mehr. Elf Kinder hatte meine Großmutter zur Welt gebracht.
Und mit allen angeheirateten Onkeln und Tanten, Cousins und Cousinen nebst deren Freunden sowie spontanen Mittagsgästen aus der Nachbarschaft, warteten oft über 20 Menschen auf den polnischen Linseneintopf, den nur meine Großmutter in dieser Perfektion, der idealen Balance zwischen Obstessig, Zucker und geräucherter Rippe, zubereiten konnte. Einige Male habe ich mich dann selbst an einem Linseneintopf versucht und, unfähig diesen Geschmack der Kinder auch nur im Ansatz zu erkochen, irgendwann frustriert aufgegeben. Linsen waren seitdem bei mir gestrichen. Aus dem Kopf und von meinem Einkauszettel.
Eine Fehlentscheidung, wie Achim Schwekendiek (Schlosshotel Münchhausen, ein Michelinstern und 17 Punkte im Gault Millau) in seinem "Linsen - Das Kochbuch" schnell und praxisnah aufzeigt. Dass es eine Vielzahl unterschiedlichster Linsensorten gibt: ok, geschenkt. Doch dann kommen seine Rezepte. Über 70 an der Zahl. Man blättert, staunt, ist verzückt, was der Sternekoch so alles mit diesen Hülsenfrüchten anstellt. Seine offenkundige Begeisterung für die kulinarische Vielseitigkeit der Linsen ist ansteckend, seine Kreativität ist Ansporn, den Herd anzuschmeißen und selbst jenseits von Essig und Zucker munter mit den Linsen zu experimentieren.
Und Schwekendiek macht es einem leicht. Im Gegensatz zu anderen Spitzenköchen, die sich in ihren Büchern gern mal den Egotripper einfangen und mit ihren Rezepten keine Leser gewinnen wollen, sondern in Ehrfurcht erstarrte Bewunderer, ist bei ihm alles wunderbar nachvollziehbar, raffiniert bis Pfiffig - und dennoch einfach nachzukochen. Beispiele gefällig? Verlockend klingen die Gewürzlinsen mit Garnelen, Passionsfruchtsauce und Korianderöl, der Curry-Linsensalat mit grünem Spargel und gebratener Makrele, der Harira Lamm-Gemüse-Eintopf mit Linsen und - durchaus klassisch - Süß-saure Linsen mit Blutwurst. Schon am Tag der Erstlektüre auf dem Teller gelandet ist der Seeteufel mit roter Linsencreme und Koriander. Einfach klasse. Demnächst steht als Nachtisch die Himbeercreme mit weißen Linsen und Apfelschaum auf der Agenda. Das sie gelingt und obendrein schmeckt, ist zu befürchten.
Fazit: "Linsen" ist eine klare KULINARIKER-Empfehlung und gehört ins Bücherregal, Abteilung lesenswerte und gelungene Kochbücher.
Achim Schwekendiek
Linsen - Das Kochbuch
Edition Styria, München/Wien 2011, 1
ISBN: 978-3-99011-038-6, 24,99 €
Weitere Informtionen finden Sie unter http://editionstyria.styriabooks.at.
Coverfoto: Verlag





